Schritt für Schritt zurück in den Alltag
Ein Sturz bringt das fragile Gleichgewicht der 82-jährigen Annamarie aus dem Lot. Von einem Moment auf den anderen fühlt sich Vertrautes unsicher an. In der Geriatrie des Spitals Muri findet sie die Unterstützung, die ihr den Weg zurück in ein selbstständiges Leben öffnet.
Als plötzlich nichts mehr ging
Gestern stand Annamarie (Name geändert) noch in der Küche, arbeitete im Garten und traf ihre Jassgruppe. Doch am nächsten Morgen fühlte sie sich so schwach, dass sie kaum aufstehen konnte. Sie verlor das Gleichgewicht und rutschte zu Boden – zum Glück ohne Verletzung, aber der Schreck sass tief. Es war nicht ihr erster Sturz. Schlafprobleme, Rückenschmerzen, Osteoporose, Appetitlosigkeit und schwindende Kräfte machten den Alltag zunehmend schwer. Viele ältere Menschen arrangieren sich lange mit solchen Einschränkungen – bis etwas passiert und sichtbar wird, was nicht mehr funktioniert. Auch für Annamarie war diese Erkenntnis belastend. Genau hier begann ihr Weg zurück in ein selbstständiges Leben.

Wenn vieles zusammenkommt
Bei der Aufnahme im Spital Muri zeigte sich schnell: Es war nicht ein einzelnes Problem, sondern eine Kombination aus unsicherem Gehen, Schmerzen, vielen Medikamenten, wenig Energie und eingeschränktem Sehen. Die geriatrische Akutrehabilitation setzt genau hier an: Sie betrachtet nicht nur eine Diagnose, sondern den ganzen Menschen.

Dr. med. Katharina Geiling, Leitende Ärztin Geriatrie am Spital Muri, beschreibt den Ansatz so:
«Geriatrie ist keine schnelle Medizin. Sie beruht auf einer sorgfältigen Gesamtschau, die zu differenzierten und passenden Lösungen führt.»
Mit Blick auf den ganzen Menschen
Gleich zu Beginn wurde Annamarie umfassend untersucht: Mobilität, Sinne, Stimmung, Ernährung, Kraft. Es zeigten sich Unsicherheiten beim Gehen, ein Vitaminmangel, wechselnde Blutdruckwerte und grosse Erschöpfung. Ein unnötiges Medikament belastete sie zusätzlich. Das Fachteam stoppte es und wählte einfache Alternativen. Die Geriatrie verbindet medizinische Behandlung, aktivierende Pflege, individuelle Therapien und persönliche Ziele. Dr. med. Katharina Geiling betont: «In der klassischen Medizin gibt es oft klare Antworten auf ein einzelnes Problem. In der Geriatrie begegnen wir jedoch einer Vielzahl sehr unterschiedlicher Herausforderungen.»
Zurück zur Mobilität
Annamarie startete sofort mit Physiotherapie, Ergotherapie, aktivierender Pflege und Ernährungstipps. Schon nach wenigen Tagen wuchs ihre Gehstrecke am Rollator von 50 auf über 300 Meter. Das Gleichgewicht wurde stabiler, die Rückenschmerzen liessen nach, und sie gewann wieder Vertrauen in ihren Körper.
Viele Fachpersonen, ein Ziel
Einmal pro Woche traf sich das gesamte Team im interdisziplinären Rapport: Ärztinnen, Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Ernährungsberatung und Case Management. Gemeinsam besprachen sie Fortschritte, passten Ziele an und suchten Lösungen. Für Annamarie bedeutete dies: Jede Fachperson wusste, wo sie stand – und wohin sie wollte.

Zurück zu Hause, aber nicht allein
Nach knapp zwei Wochen war Annamarie so stabil, dass sie nach Hause zurückkehren konnte – mit einem klaren Plan für die Zeit danach. Ambulante Physiotherapie, Blutdruckkontrollen, Übungen und Ernährungsempfehlungen wurden organisiert. Ihr Wunsch war es, wieder möglichst selbstständig leben zu können. Und genau das gelang ihr.
Annamaries Geschichte steht für viele ältere Menschen, die plötzlich mit Schwäche oder einem Sturz konfrontiert sind. Die Geriatrie zeigt, dass mit der richtigen Unterstützung und einem eingespielten Team der Weg zurück in den Alltag möglich ist. Katharina Geiling: «Mich bewegt es immer wieder, zu sehen, wie sehr Patientinnen und Patienten profitieren. Umso schöner ist es, wenn jemand wieder sicherer wird und gestärkt nach Hause zurückkehrt.»
Dieser Artikel ist zuerst im Spital Muri-Magazin «gsund.» 02-2026 erschienen.