Orthopädietechnik – zwischen Werkstatt und Kunde

Arno Knothe, der Orthopädietechnikermeister im Spital Muri, erzählt im Interview, wie er das Leben seiner Patientinnen und Patienten verändern kann, was genau ein Orthopädietechniker (Orthopädist) macht und wieso ihm sein Beruf noch immer Spass macht.

Herr Knothe, können Sie in einfachen Worten erklären, was ein Orthopädist macht und was unter Orthopädie zu verstehen ist?
Der Orthopädietechniker stellt Hilfsmittel her, um Körperfehlstellungen zu korrigieren oder Gliedmassen wie Arme oder Beine zu ersetzen. Bei Ersterem sprechen wir von Orthesen und bei letzterem von Prothesen. Während eine Prothese eine Gliedmasse ersetzt, werden Orthesen bei der Stabilisation, Ruhigstellung, Fixierung oder Korrektur von Gliedmassen eingesetzt. Typische Beispiele hierfür sind Schuheinlagen oder Knieschienen.

Der Orthopädietechniker verbringt viel Zeit in seiner Werkstatt und fertigt dort Orthesen und Prothesen an. Andererseits gehören zum Beruf aber auch der enge Kontakt zu den Kundinnen und Kunden sowie die Beratungstätigkeit. Der Orthopädietechniker bewegt sich also ständig zwischen Werkstatt und Kunde hin und her. Dies macht den Beruf extrem vielseitig und spannend.

Wie kamen Sie dazu, die Ausbildung zum Orthopädisten zu machen?
Der Beruf ist nicht sehr geläufig und in der Pubertät wusste ich nicht wirklich, was ich machen sollte. Ich schätze mich selber als eine handwerklich begabte Person ein, welche gut und gerne mit Menschen umgehen kann. Die Kopfarbeit ist nicht meins. In der Berufsberatung schliesslich hat sich die Ausbildung zum Orthopädietechniker herauskristallisiert. Die Ausbildung habe ich in Deutschland absolviert; in der Schweiz macht man eine Ausbildung zur Orthopädistin, zum Orthopädisten. Nach einigen Jahren im Beruf hat sich für mich die Frage gestellt, wie ich mich weiterentwickeln soll und da ich mir nicht vorstellen konnte, in einem anderen Beruf tätig zu werden, war rasch klar, dass ich meine ganze Energie und Fähigkeit in die Orthopädie stecken will. Dies hat mich zum Entscheid gebracht, mich zum Orthopädietechnikermeister (diplomierter Orthopädist) weiterzubilden. 

Nun führen Sie nicht nur Ihr eigenes Geschäft, sondern sind auch im Spital Muri tätig. Wie lässt sich das kombinieren und welches sind Ihre Angebote?
Dr. med. Thilo Schmuck, Leitender Arzt Orthopädie im Spital Muri, und ich arbeiten sehr eng zusammen. Er bietet jeweils am Dienstagvormittag seine Sprechstunden an. So kommt es, dass auch ich jeweils am Dienstagvormittag in Muri anwesend bin. So können wir bei Bedarf Fragen der Patientinnen und Patienten gemeinsam klären. Bei steigender Nachfrage werde ich mein Angebot um den Freitagmorgen erweitern. Dies hätte für meine Patientinnen und Patienten den Vorteil, dass sie am Dienstag mit einem Rezept in die Sprechstunde kommen können und ich ihnen die Orthese oder Prothese bereits bis zum Freitag in meinem Geschäft in Sursee anfertigen kann. Die Patientinnen und Patienten profitieren so von extrem kurzen Wartezeiten. 

Wenn ich nicht im Spital Muri bin, arbeite ich im Ortho-Atelier, meinem Geschäft in Sursee, welches ich zusammen mit meinem Berufskollegen Daniel Andres betreibe. Wir sind ein kleiner Betrieb und doch kann unser Angebot locker mit demjenigen grösserer Geschäfte mithalten. Wir bieten von Hilfsmitteln für die Mobilität (Rollstühle, Rollatoren) über Bandagen, Stützstrümpfe, Alltagshilfen und Prothesen zur Reha alles an.

Da Sie Ihr Angebot im Spital Muri ausbauen möchten, nehme ich an, Sie arbeiten gerne hier?
Sehr sogar. Mir gefallen das kleine überschaubare Spital und unser unkompliziertes Team. Ich denke, das neue Interdisziplinäre Zentrum mit seinen grosszügigen Untersuchungszimmern bietet nicht nur Komfort für unsere Patientinnen und Patienten, sondern ist auch für die interne Zusammenarbeit ein grosser Pluspunkt. Die Patientinnen und Patienten können an einem zentralen Ort durch Fachspezialistinnen und Fachspezialisten aus diversen Bereichen betreut werden.

Welches sind für Sie die schönsten Begegnungen im Beruf?
Das Schönste ist für mich, wenn ich Patientinnen und Patienten mit meinen Orthesen und Prothesen helfen und ihren Alltag erleichtern kann. Ganz besonders schön ist es, wenn sich Patienten keine Verbesserung ihrer Situation vorstellen können, sehr kritisch bei mir in der Sprechstunde sitzen und dann nach einigen Wochen der Behandlung grosse Veränderungen und Verbesserungen ihrer Situation feststellen können. Mich freut es, wenn jemand beispielsweise wieder ohne Krücken laufen und den Alltag leichter meistern kann.

Sie treffen bestimmt viele Menschen mit bewegenden Geschichten. Was unternehmen Sie in Ihrer Freizeit zum Ausgleich?
In meiner Freizeit bin ich gerne sportlich unterwegs. Früher war ich Gleitschirmpilot, heute beschränke ich mich eher auf Sportarten wie Mountainbike, Wandern, Skifahren oder Langlauf.

Sie fliegen also nicht mehr selbst?
Nein, seit ich selbständig bin, fliege ich nicht mehr selbst. Ich kann es mir nicht leisten, beim Landen zu stolpern, den Arm zu brechen und auszufallen. Deshalb versuche ich, mich möglichst wenig unnötigen Risiken auszusetzen. Ich würde aber sehr gerne einen Tag lang eine Pilotin oder einen Piloten im Cockpit begleiten – das Fliegen fasziniert mich nach wie vor sehr.

Können Sie sich vorstellen, mit einer Prothese zu leben?
Ja, dank meinen Beruf kann ich mir gut vorstellen, mit einer Prothese zu leben. Gut, es kommt auch noch darauf an wie. Unglücklich ist die Situation natürlich sowieso immer, aber es gibt unglückliche und unglücklichere Situationen. Wenn der Stumpf gut geheilt ist und kein Hauptgelenk (Knie, Ellbogen) entfernt werden musste, dann kann man eigentlich immer noch alles machen ausser einer Drehbewegung mit der Hand oder dem Fuss. Ich habe einige Kollegen, welche mit Prothesen leben. Sie können sich genauso sportlich betätigen wie ich und aussenstehende Personen nehmen die «Einschränkung» kaum wahr.

Welches sind die grössten Veränderungen in Ihrem Berufsfeld?
Unser Berufsfeld wird heute stark von der Technik und der Elektronik geprägt. Gliedmassen werden heute eher gescannt und nicht mehr von Hand mit Gips modelliert. Ausserdem passiert immer mehr in der Zentralfertigung, immer weniger Orthopädiegeschäfte können Ware selber anfertigen. Natürlich gibt es auch in unserem Beruf mittlerweile diverse Apps, welche den Berufsalltag erleichtern (sollen). Das Schöne ist aber, dass immer noch alles mit den einfachsten Hilfsmitteln machbar ist. Gipsbinden kann ich nach wie vor nutzen, um ein Modell des Stumpfes herzustellen und darum herum eine Schiene zu bauen.

Anpassung einer Knieschiene Arno Knothe bei der Anpassung einer Knieschiene Arno Knothe in seiner Werkstatt im Spital Muri Dr. med. Thilo Schmuck und Arno Knothe im Gespräch
Anpassung einer KnieschieneArno Knothe bei der Anpassung einer KnieschieneArno Knothe in seiner Werkstatt im Spital MuriDr. med. Thilo Schmuck und Arno Knothe im Gespräch

 

Herzlichen Dank für diesen spannenden Einblick in Ihre Tätigkeit!

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